Sonntag, 5. Juni 2016

Das Wiener Wehrbürgertum in der ersten Hälfte des 14.Jahrhunderts - Teil 2

Kommen wir also nun zum zweiten Teil des Artikels über "Das Wiener Wehrbürgertum in der ersten Hälfte des 14.Jahrhunderts" und beschäftigen wir uns mit der vierten großen Aufgabe für die militärisch aktiven Mitglieder der Wiener Gesellschaft .. 

Das "Ausfahren" 

Neben den Verpflichtungen alles für die Stadt IN der Stadt zu tun kann man die Abhängigkeit der Stadt vom Landesherrn (im Gegensatz zur Reichsunmittelbarkeit und damit nur der Gefolgschaft zum römischen Kaiser) gut daran erkennen, dass die vom Herren gewährten Privilegien eben auch Pflichten mit sich brachten. Und einer dieser Pflichten war die Gefolgschaft zum Landesherrn in seinen militärischen Unternehmungen zu erfüllen.

Aber Wien wäre nicht (mein) Wien wenn alles ein wenig weniger wienerischer wäre. Und so brachten die Wiener zuerst ihren großmütigen Kaiser Friedrich II 1237 und später ihren Herzog mit Migrationshintergrund Rudolf I von Habsburg 1278 dazu dieses Recht .. hmm .. sagen wir mal "leicht" einzuschränken.

Im entsprechenden Stadtrechtsprivileg wurde also niedergelegt, dass die Wiener selbstverständlich stets und voller Inbrunst im Gefolge des Herzogs ausziehen würden um Heldentaten ungeahnten Ausmaßes zu vollbringen .. aber bitte nur einen Tag lang. Zum Abendessen müssten sie dann schon wieder daheim sein!
Genau formuliert wurde die Gefolgspflicht so, dass man keinen Bürger zur Heerfahrt zwingen durfte außer man zog Frühmorgens, bei Sonnenaufgang, los und war noch "pey de sunneschein" wieder zurück. Das dürfte dann dem Herzog vor allem bei (rein hypothetischen) Schlachten um das Wirtshaus in Perchtoldsdorf oder bei einer gepflegten Schlägerei unter Badegästen am Wiener Donauufer einen garantierten Sieg eingebracht haben.

EDIT: So wie es aussieht war die Seeligkeit der abendlichen Heimkehr tatsächlich um 1278 aus dem Stadtrecht gestrichen worden. Was bedeutet dass ich wohl doch noch eine Decke zu meiner Ausrüstung packen müssen. Ein Nachtlicht auch. Und ein Kuscheltier.


Das aber nicht alles Gut ist was im abendlichen "sunneschein" glänzt, dürften die Wiener schon bei den ersten "Ausnahmen" erfahren haben:

Die Bratislava-Expedition

Kurz vor Bestätigung des Privilegs (1278) durch Herzog Rudolf war Wien ja noch in böhmischer Hand, und trotz dem vom Kaiser in  der ersten Hälfte des 13.Jahrhunderts verliehen Recht auf Heimschläfertum nahm der böhmische König schonungslos Wiener Bürger zur Belagerung von Pressburg mit! Uns kreuzzugsartig ins knapp 80km gen Jerusalem (also nach Osten) von der geliebten, weinseeligen Heimat entfernte, exotische Bratislava zu schleppen und  in Gefahr zu bringen ist eigentlich unerhört! Haben wir ihm aber später heimgezahlt und dafür die Palatschinken österreichisiert. So!

Jedenfalls waren wir mit dabei als der Ottokar II. Premysl (Gesundheit!) in seinem Streit mit den Ungarn um die Steiermark 1271 Pressburg einnahm und die Burg besetzen ließ. Und wer frage ich euch war zur Bewachung eines derart wichtigen Aktivpostens wohl geeignet? Natürlich die Helden des Wienflusstales, die klassischen Heroen vom Lugeck und die Giganten des (Wein)stubenviertels, sprich .. die Wahrhaftige Wiener Wehrbürgerschaft (die Übertragung des Copyrights für die Abkürzung WWW auf meine Person wird in den nächsten Tagen beantragt!)
Der eigentlich gegen Ungarn gerichtete Feldzug musste jedoch nach zwei Monaten aufgrund von Versorgungsschwierigkeiten abgebrochen werden. Wer weiß, sonst hätten wir und der alte Böhme wahrscheinlich den ganzen Ostblock erobert.

Aber die wachsamen und grimmigen Augen der WWW waren sicher auch auf die beiden Kontrahenten Ottokar und Stephan (der Fünfte, König von Ungarn) gerichtet als diese dann, wohl schwer eingeschüchtert von Pracht und Macht der Wiener Kontingente, den Ersten Frieden von Pressburg schlossen. (den ERSTEN deshalb, weil Franz I und Napoleon schonungslose Kopierer der glorreichen Vergangenheit waren und ihre wohl bedeutungslosen Streitigkeiten 1805 ebenfalls in Pressburg beendeten)

Wie lange die Wiener ihre schützende Hand über Pressburg hielten konnte ich nicht in Erfahrung bringen, aber wohl nicht lang. Denn schon 1273 musste Ottokar Pressburg erneut erobern und das wär ihm mit uns sicher nicht passiert. Aber auf jeden Fall sind wir auch in dem Jahr wieder dabei gewesen und haben unsere (völlig vertragsverletztend aufgezwungene) Pflicht bei der erneuten Einnahme der Stadt  getan.
Beigestanden haben wir ihm natürlich auch als Rudolf I aus "Germanien" herbeikam um die Herzogswürde von Österreich zu übernehmen. Dafür hat uns der Ottokar sogar zwei Kastelle in Wien gebaut. Das erste (beim Bibertor, zu sehen demnächst auf dem aktualisierten Wienplan) wurde später den Domikanern übergeben die es St. Laurenz nannten und ein Kloster drin gründeten) und das zweite wurde die Grundlage für die Wiener Hofburg. Wien hat bekanntlich standgehalten, wurde aber trotzdem letztendlich habsburgisch .. so spielt(e) das Leben halt.

 
Während die obigen Ereignisse für den guten Niklas bestenfalls Opas Kriegsgeschichten am Kachelofen gewesen sein dürften trugen sich die folgenden Ereignisse zu seinen Lebzeiten zu und es ist davon auszugehen (und wenn ich je damit fertig werde sogar darstellbar) dass er an den Ereignissen beteiligt war.

(Aus Gründen der leichteren Verständlichkeit werde ich den lieben Niklas nur die Einleitung übertragen und die Fakten (möglicherweise pointiert) von meiner modernen Persona zusammentragen lassen.)

 Die (fröhliche) Böhmenkrise

"1300 und 36 war das, hat schon im Frühjahr noch vor Ostern angefangen, da hat der Otto, Verzeihung, der Herr Herzog, also nicht der Albrecht sondern dem sein Bruder, der Fröhliche, sammeln lassen. Der wollt' nach Böhmen ausfahren und mit dem Johann anbinden der was eigentlich sein Schwiegervater war. Mit Haube und Spiess sind wir da mal wieder los, rauf zum großen Wald sollt's gehen und dann gegen die Luxemburger. Und gegen die Ungarn, die was den Wein machen den's bei uns nicht geben darf. Eh klar!
G'weint haben die Mädels als ich fort bin, aber der Leopold, mein G'sell war ja auch dabei .. und der Schuster-Karl, den ich aus der Weinstuben kenn. Und der Thomas aus der Nadlergassen, der alte Raufbruder, der hat meiner Frau versprochen dass er aufpasst auf mich. Ich hab ihnen trotzdem g'sagt sie sollen jeden Tag a Mess lesen lassen, weil der Thomas is zwar g'fährlich aber der Herrgott schaut halt schon noch a bisserl besser auf mich, hab ich mir denkt.
Aber kaum war'n mir ein paar Tage unterwegs ... "


- Aus den fiktiven Memoiren des Niklas Hufenbauer, Wien ca. 1340

Der 1301 in Wien geborene Herzog Otto (IV.) von Habsburg war in zweiter Ehe mit Anna von Böhmen, einer Tochter des böhmischen Königs Johann von Luxemburg und Schwester des zukünftigen Kaisers, Karl V, verheiratet.
Wegen seiner geselligen und lebenslustigen Hofhaltung "der Fröhliche" genannt, trug der 1331 vom damaligen Kaiser Ludwig (der Bayer) zum Reichsvikar (eine Art Übergangsregent zwischen dem Tod eines Kaisers und der Wahl eines Neuen) ernannte Herzog von Österreich, Steiermark (ab 1330) und Kärnten (ab 1335) ob seiner militärischen Unternehmungen auch den Beinamen "der Kühne".
Und ja, das ist der selbe Ludwig gegen den die Wiener 20 Jahre früher ins Feld gezogen sind. Aber in zwanzig Jahren fließt halt auch viel Wasser die Donau runter.


Trotz der engen Bindung (Schwiegervater Johann und Schwager Karl) war das Einvernehmen mit der böhmischen Verwandschaft vermutlich auch auf Grund der Kaisertreue Ottos nicht das Beste. Gleich nach der kaiserlichen Belehnung Ottos mit Kärnten rüstete der sich ebenfalls Hoffnung auf Kärnten machende und dazu oberitalienisch sehr umtriebige Johann gegen die Habsburger. Dazu verbündete er sich mit Kasimir I. dem Großen, König von Polen und Karl I., dem anjoustämmigen König von Ungarn. Meißen und Sachsen mischten auch noch mit.

Das war natürlich jetzt ein bisserl viel für die Habsburg-Brothers, die daraufhin den Kaiser um Hilfe ersuchten. Ludwig kam im Winter 1335 sogar persönlich nach Wien um diese Unterstützung zu gewähren. War sicher Anlass für ein Spitzenfestl. Hab ich schon erwähnt, dass es bei der Gelegenheit sicher Wein gab?

Im März 1336 ging es dann los und Habsburg unter der Leitung Ottos stellte ein Heer auf, dem sich Chronisten zu Folge alleine aus Wien 40.000 (!) Mann anschlossen. Bei einer auf 20.000 bis 25.000 Menschen geschätzten Bevölkerung der Stadt im 14.Jahrhundert (vor der großen Pest von 1348) ist das schon eine gar wundersame Leistung, die etwas geschmälert wird durch a) die damals  übliche Zahlenaufschneiderei der Chronisten und b) die möglicherweise eigentlich aus dem sehr weit zu fassenden Umland (eventuell bis Wiener Neustadt) und nicht nur in Wien ausgehobenen Truppen.

Otto zog also mit 6,2 Millionen Mann (Hey, übertreiben kann ICH auch), also jedenfalls mit vielen Leuten nach Norden. Soviel ist bekannt. Ob es schon ein festgelegtes Treffen zur Schlacht gegeben hat geht aus meinen Quellen nicht hervor, es kam jedenfalls zu keiner. Johann und seine Armee vermieden jede Berührung mit dem Feind und wichen der österreichischen Streitmacht aus.
Vielmehr konzentrierte sich der Böhmenkönig auf Verhandlungen mit österreichischen Ministerialen und Edlen um die habsburgische Position im nördlichen Österreich zu schwächen.

Letztendlich zog Otto sich Richtung Wien zurück, vermutlich weil der Sommer sich dem Ende zuneigte und ohnehin kein Treffen zu Stande kommen würde. Johann hingegen nutzte die Chance und rückte nach, er folgte damit einer klassischen mittelalterlichen Strategie und verwüstete das Land bis etwa nach Korneuburg hinab.

Der ganze Zwischenfall endete letztlich mit verheerten Landstrichen, leidender Landbevölkerung und ohne jegliche militärische Entscheidung mit den mit den Friedensschlüssen von Freistadt am 4. September 1336. Und ganz wie üblich war dann keiner von den "Großen" dem anderen irgendwie bös', alles war suppiduppi und bereits im Oktober des selben Jahres besuchte Johann von Böhmen seine Tochter in Wien. Alles wieder gut also .. obwohl die Leute in Korneuburg und an vielen anderen Orten das wohl anders sahen.

Wie groß der Anteil der Wiener an der ganzen Herumhatscherei in Südböhmen und dem Waldviertel war weiß ich nicht, aber wenn irgendwer sinnlos, aber mit Stil in der Gegend rumlatschen kann dann wir!

Das Krisengebiet zwischen Wien und Prag


(Wichtiges!) PS:
Mein humoristischer Umgang mit dieser Materie soll nicht darüber hinwegtäuschen dass vor 700 Jahren echte Menschen in echte militärische Konflikte zogen, sondern dient nur dem erleichterten Zugang zu einem ernsthaften Stoff.
Der Mut und die Opferbereitschaft von Soldaten, damals wie heute, kann nicht hoch genug geschätzt werden, riskieren sie doch all die üblen, menschenverachtenden Folgen des Krieges wie Tod, Verstümmelung und nicht nachempfindbares Leid.
Krieg war und ist eine Angelegenheit, die neben den Verlusten an Leib und Leben der Kombattanten auch ein unsagbares Elend der zivilen Bevölkerung nach sich zieht.
All das sollte man nie vergessen .. auch nicht während des Lächelns über die Wahnwitzigen Wiener Wehrbürger des 14.Jahrhunderts!

Quellen:
-Ferdinand Opll, 1998, "Leben im mittelalterlichen Wien"
-Walter Hummelberger, 1972, "Die Bewaffnung der Bürgerschaft im Spätmittelalter am Beispiels Wiens"
-Peter Csendes/Ferdinand Oppl, 2001, "Wien - Geschichte einer Stadt", Band 1
-Ferdinand Oppl, 1998, "Leben im mittelalterlichen Wien"


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